Völlig schwerelos…
...über den Wolken
Ein Massensport wird das Paragleiten wohl nie werden, dazu ist diese Luftsportart zu anspruchsvoll. Aber wen die Faszination gepackt hat, lässt sie so leicht nicht wieder los. Manche Piloten sprechen gar von einem „Suchtpotential“. Das ist bei den Mit-gliedern des Pustertaler Clubs
„Time to fly“ ohne Zweifel der Fall.
Die Truppe von „Time to fly“

Gleitschirmfliegen ist die einfachste Art, die Welt aus der Vogelperspektive zu betrachten. Man kann mit vergleichsweise geringem technischem und finanziellem Aufwand die dritte Dimension erobern und frei wie ein Vogel von oben das Treiben in den Tälern betrachten, wo plötzlich alles klein und unwichtig erscheint, wie Reinhard May es in seinem Hit „Über den Wolken“ beschreibt. Die meisten Piloten schätzen an ihrem Hobby die unmittelbare Nähe zur Natur und die Möglichkeit, sich lautlos von der Kraft der Natur in die Höhe tragen zu lassen, den Wind im Gesicht zu spüren.
Diese Sportart hat viele verschiedene Facetten: Manche begnügen sich mit einfachen Gleitflügen über die Landschaft im Winter oder in ruhiger Morgenluft. Andere bevorzugen lieber sportlichere Bedingungen bei Thermik, um gewaltige Strecken von Hunderten Kilometern zurückzulegen (der Weltrekord liegt bei über 400 Kilometern). Wieder andere finden als Gleitschirm-Akrobaten ihr Betätigungsfeld. Interessanterweise muss man nicht schwindelfrei sein, um mit einem Gleitschirm fliegen zu können. Vermutlich hängt das mit der abstrakt wirkenden, weit entfernten Aussicht zusammen. Viele sonst nicht schwindelfreie Piloten berichten, dass sie eingespannt im Gurtzeug nicht mehr das Gefühl haben, stürzen zu können wie etwa freistehend an einem Geländer.
Das Um und Auf des Paraglidens sind die Übung und die Routine, wie Haymo Prenn, ebenfalls Mitglied von „Time to fly“, betont: „Gerade weil das Fliegen mit dem Gleitschirm so einfach zu erlernen ist, sind Besonnenheit und Risikobewusstsein Grundvoraussetzungen für eine sichere Ausübung dieses Sports. Leichtsinn und Selbstüberschätzung können schnell in kritische Situationen führen, denn in der Luft gibt es bekanntlich keine Balken. Wer pro Jahr nur ein paar Mal fliegt, kann die Winde und Turbulenzen oft nicht richtig einschätzen. Wir fliegen das ganze Jahr über, und immer wieder kommt es vor, dass wir am Startplatz stundenlang auf den richtigen Wind warten – und manchmal heben wir gar nicht ab, weil es zu riskant ist. Beim Paragleiten lernt man warten. Auch beim Start und bei der Landung ist Routine gefragt.“ Zur Pflichtausrüstung bei allen Flügen gehört ein Rettungsfallschirm, der dafür sorgt, dass der Pilot im Falle einer extremen Notsituation sicher und im Normalfall verletzungsfrei auf dem Boden landet. Die Sicherheit erhöht wird auch durch technische Geräte wie GPS-System und Höhenmesser, die heutzutage von allen Piloten verwendet werden.
Wer darf mit einem Gleitschirm fliegen? Club-Präsident Christoph Niederkofler: „In Italien müssen Gleitschirmflieger vor dem selbstständigen Fliegen eine Schulung absolvieren, bei der die Grundlagen des Fliegens erlernt werden.“ Die einzige Flugschule im Pustertal ist das „Centro Volo Alta Badia“ von Helmut Stricker, der seine Praxisstunden in Ahornach abhält. Die Ausbildung dauert etwa ein halbes Jahr. Und wie steht es mit der Sicherheit beim Gleitschirmfliegen? Christoph Niederkofler meint: „Der Gleitschirmsport wird nicht als Risikosportart eingestuft; Motorradfahren ist statistisch um Einiges risikoreicher. Die Fluggeräte selbst sind außerordentlich sicher. Unfälle durch Materialversagen sind beim Gleitschirmfliegen sehr selten. Um Gefahrensituationen zu erkennen, ist es aber wichtig, sich über die Wettersituation und die Eigenheiten des Fluggeländes genau zu informieren. Je nach Wetterlage sind bestimmte Fluggebiete vorzuziehen oder zu meiden. Wenn sich bei uns gelegentlich Gleitschirmflieger verletzen, sind das meist Touristen, die die örtlichen Gegebenheiten nicht gut genug kennen.“

© PZ
Nur (außerschulisches)
Fliegen ist schöner!

Fuß aus der Sicht eines Paragliders

Ein teurer Spaß?
Ein neuer Gleitschirm kostet zwischen 2.000 und 3.000 Euro, zusammen mit der übrigen Ausrüstung ist mit einer Investition bis zu 6.000 Euro zu rechnen. Die Ausbildung in Theorie und Praxis kostet an die 1.500 Euro. Aber schließlich ist Paragliden ein Flugsport und bei weitem die billigsten Möglichkeit, eigenständig in die Luft zu gehen.
Einige Mitglieder des Clubs „Time to fly“ nehmen auch regelmäßig an Wettbewerben teil, so am Südtirol-Cup der Paraglider. Der Hauptzweck des Clubs ist aber, die Freude am Fliegen zu vermitteln. Wer neugierig geworden ist, kann sich unter der Nummer 349 56 41 605 bei Clubpräsident Christoph Niederkofler informieren. Der Club bietet auch immer wieder Schnupperstunden an. Demnächst hat der Club wieder einen gewissermaßen öffentlichen Auftritt, nämlich beim Nikolausfliegen vom Kronplatz – und zwar werden die Piloten in drei Richtungen fliegen, nämlich auf die Furggl, nach Olang und nach Reischach. Da kann man nur noch wünschen: Gut Flug! •

18 Piloten
In Südtirol gibt es eine Reihe von Vereinen, im Pusteral eine Handvoll. Mit zu den bekanntesten gehört der Club „Time to fly“ mit Präsident Christoph Niederkofler aus Stefansdorf an der Spitze. Den Club mit Sitz in Reischach gibt es offiziell seit sechs Jahren. Derzeit gehören diesem Verein 18 Piloten an, nämlich Oskar Eder (Ahornach), Christian Gasser (Gais), Peter Gasser (Gais), Harald Grünbacher (Kiens), Kurt Unterberger (Sand in Taufers), Christoph Niederkofler (Stefansdorf), Hannes Niederkofler (Ahornach), Leonhard Oberhöller (St.Lorenzen), Günther Oberjakober (Hofern), Manuel Pallhuber (Percha), Haymo Prenn (Stegen), Josef Unterhofer (Sand in Taufers), Helmuth Rainer (Bruneck), Christian Auer (Gais), Friedrich Zimmerhofer (Ahrntal), Severin Holzner (Lana), Christian Dariz (Gais) und Manuel Mair (Reischach). Die Fluggebiete des Vereins sind Ahornach, Mühlbach (oberhalb von Gais), Platten, Grente, Kronplatz und Speikboden. Dabei gelten Ahornach („Little Hawaii“) und Gais als nahezu ideale Fluggebiete, wie sie sonst im Alpenraum kaum zu finden sind. Der Club ist sehr aktiv, fast an jedem Wochenende gehen die Mitglieder in kleinen Gruppen in die Luft; im Sommer macht der Club jedes Jahr eine längere Reise, so zuletzt nach Süditalien und Südfrankreich. Die Gleitschirme werden dabei selbstverständlich mitgenommen. •